
Geschichte
und Entwicklung Brasiliens
Die
Frühgeschichte Brasiliens ist wenig erforscht,
denn die Ureinwohner, brasilianische Indianer,
hatten keine Schrift und bauten nicht mit Stein.
Es gibt keine Tempel oder Städte wie von
den Inka in den Anden oder den Maya in Mittelamerika.
So kann nur vermutet werden, daß bei Ankunft
der Portugiesen im Amazonasgebiet, an der Küste
und an den Flüssen im Südwesten zwischen
3 und 30 Mio. Indianer lebten, zum Teil als
Sammler, Fischer und Jäger ; andere nutzen
den Regenwald agrarisch und bauten Maniok und
Mais an. Man nimmt beispielsweise an, daß
alle Paranußbäume im brasilianischen
Regenwald von Indianern gepflanzt wurden.
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Die
ersten menschlichen Spuren reichen bis
43000 Jahre v. Chr. zurück : In
Höhlen des Bundesstaates Piauí
entdeckte man Feuerspuren aus dieser
Zeit. Die ältesten übereste
wurden an der Küste Bahias gefunden.
Es sind Keramikschalen aus dem 9. Jh.
v. Chr
Pedro
Vaz de Caminha heißt der erste
Europäer, der Zeugnis gibt von
den Indianern Brasiliens. Der Berichtererstatter
des portugiesischen Königs ist
mit einer Flotte Schiffen unter dem
Kommando Pedro Alvares Cabrals unterwegs.
Das Leben der Indianer erscheint ihm
wie ein Paradies. Begünstigt durch
das Klima, das Wärme und Nahrung
gibt, leben die eingeborenen in einer
Gesellschaft ohne Zwang zum Fortschritt.
Die Vertreibung aus dem Paradies beginnt
im Frühjahr des Jahres 1500. Am
22. April erreichen die Schiffe der
portugiesischen Expedition die Küste
Brasiliens. In der Nähe des heutigen
Porto Seguro, des sicheren Hafens, im
Süden Bahias gehen die Portugiesen
an Land.
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Das
entdeckte Land ist für die Europäer
eine Enttäuschung. Sie haben Gold gesucht,
kein Paradies. Das Papageienland, wie sie es
zunächst nennen, bringt ihnen auch sonst
nichts ein : keine Edelmetalle, keine Gewürze.
Nur das Pau do Brasil, ein Holz, aus dem ein
Saft gewonnen wird mit dem man Tuche rot färben
kann und das dem Land später seinen Namen
gibt, wird nach Portugal geschifft. Da Brasilien
keine reichen Hochkulturen, keine Städte
voller Schätze aufweisen kann, die erobert
und geplündert werden könnten, ist
Brasilien für die portugiesische Krone
nicht sonderlich wichtig. König Johann
III. teilt das Land in zwölf Lehnsgüter
auf, die Privatleuten zu Entwicklung überlassen
werden.
Die
Kolonie wird erst interessant, als es einige
Jahrzehnte nach der Entdeckung gelingt, dort
Zuckerrohr anzubauen. Jetzt gibt es etwas, für
das ein Bedarf besteht - Zucker, im Europa in
jener Zeit wertvoll und teuer wie Gold. 1543
wird die erste Zuckermühle nach Brasilien
gebracht. Im Norden entstehen an der Küste
agrarische Großbetriebe, die bis heute
gültige Landverteilung wird vorgezeigt.
Die Besitzer dieser Betriebe brauchen Arbeiter.
Zunächst werden die Indianer versklavt
und zur Arbeit auf den Plantagen gezwungen.
Dagegen protestierten erfolgreich einzelne katholische
Geistliche. Die Kirche will aus den Heiden Christen
machen. Außerdem eigenen sich die ans
Paradies gewöhnten Indios nicht für
die stupide harte Arbeit. Sie sterben an den
Krankheiten der Eroberer oder begehen Selbstmord.
Da Portugal nicht genug Arbeitskräfte stellen
kann, werde Negersklaven aus den afrikanischen
Kolonien Portugals nach Brasilien gebracht.
Sie arbeiten gut und kosten zu Beginn des Sklavenhandels
nicht viel. Für sie ist das Klima in Brasilien
kein Problem. Die Kirche, die sich schützend
vor die Indianer stellt unterstütz diese
Politik. Schwarze sind nach Auffassung der katholischen
Priester keine Menschen, weil sie keine unsterbliche
Seele haben. Man schätzt, daß bis
zur Abschaffung der Sklavenhandels 1850 drei
bis fünf Millionen Menschen aus Afrika
nach Brasilien verschleppt wurden. Eine ähnlich
hohe Zahl von Afrikanern hat den Transport nicht
überlebt. Zur Gewinnung von Anbauflächen
wird der Urwald brandgerodet. Wenn nach zwei,
drei Ernten der Boden vom Zuckerrohr ausgelaugt
ist, wird ein neues Stück Urwald abgebrannt.
An Wiederaufforstung denkt schon damals niemand.
Vom Ursprünglichen Atlantikwald, der die
Küste von Norden bis Süden bedeckte,
bleiben weniger als drei Prozent erhalten. Statt
dessen entsteht der Sertao, die ausgetrocknete
Armutszone des Nordostens, ein Gebiet viermal
so groß wie Deutschland. Mit dem Anbau
des Zuckerrohrs beginnt der zerstörerische
Umgang mit der Natur, der bis heute anhält.
Für die nächsten zwei Jahrhunderte
ist Brasilien der größte Zuckerproduzent
der Welt.
1549
wird in Salvador die erste zentrale Kolonialregierung
installiert. Tomé de Sousa wird
erster Generalgouverneur - nach ihm sind
Straßen in fast jeder brasilianischen
Stadt benannt. Mit zunehmendem Reichtum
wird Brasilien für die aufstrebenden
Mächte Europas, Frankreich und Holland
interessant. Mehrmals im 36. und 17. Jahrhundert
versuchen sie sich in Brasilien festzusetzen.
Den Holländern gelingt es von 1634
bis 1654, einen Großteil Nordbrasiliens
zu besetzten. |
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Mitte
des 17. Jahrhunderts verliert Brasilien sein
Zuckermonopol an die Holländer und Franzosen,
die auf ihren Plantagen in der Karibik mehr
und billigeren Zucker produzieren. Doch in Brasilien
folgt ein neuer Boom der Zeit des Zucker. Kurz
vor 1700 stößt ein Trupp von Sklavenjägern,
sogenannten bandeirantes, 400 Kilometer nördlich
von Rio in einem Fluss auf Gold.
Mord
und Totschlag, Aufstände, Republiken entflohener
Sklaven, verlassene Zuckerrohrplantagen, Hungersnöten
: Die Gier nach dem Gold, die Hoffnung auf schnellen
Reichtum führen zu einer Völkerwanderung
ins Gebiet der "Allgemeinen Minen",
in den heutigen Bundesstaat Minas Gerais. Innerhalb
kürzester Zeit entstehen reiche Städte
mit Barockkirchen und Palästen, in denen
ein Haus mehr kostete wie in Lissabon oder Paris.
Immer wieder kommt es zu Versorgungsengpässen,
weil niemand mehr Getreide oder Gemüse
anbaut. Alles, was Hände hat, schürft
Gold. Einem versklavten afrikanischen Stammeskönig
gelang es dadurch sich und viele Gefährten
freizukaufen.
Das
wirtschaftliche Zentrum des Landes verlagert
sich vom Norden in den Süden. Die Regierung
zieht 1764 nach Rio de Janeiro um, das Hauptstadt
der Kolonie wird. Der Großteil der Reichtümer
bleiben aber nicht in Brasilien, sondern wird
nach Europa verschifft. Viel von dem Gold gelangt
nach England, von dem Portugal seine Waren bezieht.
Die Engländer, die als Schutzmacht vor
Spanien - von dem Portugal sechzig Jahre beherrscht
worden war - immer größeren Einfluss
in Portugal gewinnen, zwingen den Hof zu weitreichenden
Zugeständnissen auf dem Gebiet der Handelspolitik.
Während brasilianisches Gold die Industrialisierung
Englands finanziert, wird die industrielle Entwicklung
Portugals in seinen Kolonien blockiert : 3785
ordnet die portugiesische Königin auf Druck
der Engländer an, brasilianische Webstühle
und Spinnereien in Brand zu stecken. Alle Manufakturen
in Brasilien werden verboten. Begründung
: die Sorge um die Vernachlässigung der
Landwirtschaft und des Bergbaus in der Kolonie.
Tatsächlich wird die Arbeitsteilung zwischen
Kolonie und Mutterland damit festgelegt : billige
Rohstoffe aus den Kolonien gegen teure Fertigprodukte
aus Europa. Nun kommt es zu den ersten Widerständen
gegen die Ausbeutung.
Ende
des 18. Jahrhunderts gibt es erste Unabhängigkeitsbestrebungen.
Doch die Verschwörer werden verraten und
ihr Anführer José da Silva Xavier
wird nach schwerer Folterung 1793 hingerichtet.
Zur Abschreckung stellt man seinen Leib auf
öffentlichen Plätzen zur Schau.
Napoleon
gibt den Anstoß für eine Wende in
der Entwicklung Brasiliens. 1807 besetzen seine
Truppen Portugal. Der portugiesische König
flieht mit seinem Hof nach Brasilien. Zwölf
- bis fünfzehntausend Menschen werden nach
Brasilien gebracht. Mit dem König kommen
nicht nur Beamte und Diener, sondern auch Professoren,
Künstler, Musiker und Architekten. Paläste
werden gebaut, Akademien gegründet, der
Botanische Garten wird angelegt. Aus der kleinen
Kolonialstadt Rio de Janeiro wird eine Königsresidenz.
Um
nicht mehr von den Engländern abhängig
zu sein, soll jetzt möglichst schnell möglichst
viel im Lande hergestellt werden. Der König
braucht Geld : Das Manufakturverbot wird aufgehoben,
Industrie und Gewerbe werden gefördert.
Brasilien hat inzwischen mehr Einwohner als
Portugal und wird 1835 ein Teil des Vereinten
Königreiches von Portugal, Brasilien und
Algarve. König Joao VI. kehrt 1833 nach
Portugal zurück und setzt seinen Sohn Pedro
als Kronprinzen und Statthalter ein.
Anfang
des 19. Jahrhunderts ist ganz Südamerika
dabei, sich in blutigen Kriegen von der spanischen
Krone zu lösen. Nur Brasilien bleiben Bürgerkrieg
und Chaos erspart. 1833 stimmt der Kronprinz,
der den größten Teil seines Lebens
in Brasilien verbracht hat, der Errichtung einer
konstitutionellen Monarchie zu. Er ruft ein
unabhängiges Kaiserreich in Brasilien aus
und krönt sich zum Kaiser Pedro I. Die
Großgrundbesitzer sind die Macht im Staat.
Nach innenpolitischen Mißerfolgen und
einem verlorenen Krieg um Uruguay dankt er 1843
ab. Nachfolger wird sein fünfjähriger
Sohn, der neun Jahre später für Mündig
erklärt wird und als Pedro II gekrönt
wird. Er schafft es das Land, das in den zehn
kaiserlosen Jahren von einer Viehzahl von Aufständen
erschüttert wird, zur Ruhe zu bringen.
Im
Nordosten des Landes besteht die Gesellschaft
aus zwei Klassen : Sklaven und Sklavenhaltern,
Besitzlosen und Großgrundbesitzern, Schwarzen
und Weißen. Im Süden und Südosten
entsteht durch die Einwanderung von Europäern
eine weiße Mittelschicht.
Gegen
Ende des 18. Jahrhundert ist das Schwemmgold
in Minas Gerais erschöpft. Neue wirtschaftliche
Impulse bekommt das land durch den Anbau von
Kaffee. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ist Brasilien
der größte Kaffeelieferant der Welt.
Die ertragreichsten Anbaugebiete liegen um Sao
Paulo. Das Geld der Kaffeebarone macht die Stadt
zum ökonomischen Zentrum Brasiliens. Noch
immer ist in Brasilien die Sklavenwirtschaft
nicht abgeschafft und obwohl der Kaiser gegen
die Sklaverei ist, setzt er es nicht durch.
Seine Tochter Isabell unterschreibt 1888, in
seiner Abwesenheit, das "goldene Gesetz"
zur Abschaffung der Sklaverei. Finanzminister
Ruy Barbosa befiehlt, das alle Unterlagen zur
Sklaverei verbrannt werden. Damit sollen Entschädigungen
der Sklavenhalter umgangen werden. Die Sklaven
werden zwar frei, doch das Land behalten die
Großgrundbesitzer und somit alle Abhängigkeiten
erhalten. Die soziale Verantwortung für
Sklaven entfällt. Um alte und kranke brauchen
sie sich nicht mehr kümmern. Arbeit gibt
es nur auf den Plantagen - schlecht bezahlt.
Was bleibt ist die Landflucht und die Hoffnung
auf ein besseres Leben in den Städten.
Mit der Abschaffung der Sklaverei besiegelt
die Prinzessin das Ende der Herrschaft ihrer
Familie in Brasilien. 1889 wird der Kaiser von
einer Koalition der Oligarchie und des Militärs
abgesetzt und die Republik ausgerufen.
Die
neuen Machthaber, an ihrer Spitze Marschall
Deodoro de Fonseca, geben Brasilien 1893 eine
Verfassung, die stark an die der Vereinigten
Staaten angelehnt ist. Gegründet wird ein
föderativer Bundesstaat, der von einem
direkt gewählten Präsidenten geführt
wird. Frauen und Analphabeten haben kein Wahlrecht.
Ordem e Progresso, Ordnung und Fortschritt,
ist der Leitspruch der neuen Zeit. Neben Kaffee
bringt ein weiteres Produkt Reichtum in das
Land : Kautschuk. 1849 gelingt es dem Erfinder
Charles Goodyear, Kautschuk zu vulkanisieren
und Gummi herzustellen. Schon 1850 werden Räder
von Fahrzeugen mit Gummi überzogen. Den
Rohstoff Kautschuk, Saft des gleichnamigen Baumes,
gibt es in den Wäldern des Amazonas. Nachdem
Brasilien in einer Militärsaktion die bolivianische
Provinz Arce, aus der der größte
Teil des Kautschuks kommt, besetzt hatte, verfügt
das Land über die größten Gummireserven
der Welt. Zur Erhaltung des Monopols verbietet
die Regierung bei Todesstrafe die Ausfuhr von
Pflanzen und Samen des Kautschukbaumes. Der
Kautschukexport macht 1930 - bei gleichzeitigem
Kaffeeboom - fast die Hälfte der Exporterlöse
Brasiliens aus.
Das
ende des Booms kommt, als es dem Engländer
Henry Wickham 1876 gelingt, Kautschuksamen,
als Orchideensamen getarnt, aus Brasilien herauszuschmuggeln.
Die britischen Plantagen in Malaysia sind bald
ertragreicher als die brasilianischen. 1939
deckt Brasilien nur noch ein Achtel des Weltverbrauchs.
Vom
Kautschuk profitieren nur die Reichen. Die mächtigen
Familien der Oberschicht, die ihre Macht aus
dem Kaiserreich in die Republik hinüberretten
konnten, teilen sich Staatsposten und Staatsvermögen.
Korruption hält Einzug in alle Bereiche
des Staates. Aufstände der Bevölkerung,
vor allem im Nordosten, werden vom Militär
mit großer Härte niedergeschlagen.
Außenpolitisch hat seit Mitte des 19.
Jahrhunderts der Einfluß der Nordamerikaner
zugenommen. Ihr Ziel ist es, die Briten zurückzudrängen
und die bestimmende Macht in ganz Lateinamerika
zu werden. Statt Kanonen, wie in Mittelamerika,
setzten sie großzügige Kredite ein,
mit denen die Brasilianer nordamerikanische
Waren kaufen.
Die
alte Republik funktioniert solange gut, wie
Rohstoffe - vor allem Kaffe - genug Geld in
das Land bringen. Erste Risse bekommt das System
während des Ersten Weltkriegs, als die
Europäer vorübergehend weniger Kaffe
kaufen. Bis dahin war der Kaffeepreis stabil
gehalten worden, indem überschüssige
Ware in Depots lagerte, die von den Rothschilds
finanziert wurden. Bei der jahrelangen Absatzflaute
während des Ersten Weltkriegs bleiben die
Depots wirkungslos. Der Kaffeepreis fällt.
Das Ende der alten Republik kommt mit der Weltwirtschaftskrise
1939. Der Kaffeepreis stürzt ins Bodenlose.
Die kleine einheimische Industrie, die nach
dem ersten Weltkrieg aufgebaut wurde, bricht
zusammen. Niemand hat mehr Geld. Die Wiedersprüche
einer veränderten Gesellschaft könne
nicht mehr, wie bisher, unterdrückt werden.
Vargas,
der wegen seiner geringen Körpergröße
oft als südländischer Napoleon bezeichnet
wird, stammt aus einer Großgrundbesitzerfamilie
im Süden. Nach einer verlorenen Präsidentschaftswahl
kommt er 1940 durch einen Putsch mit Hilfe des
Militärs an die Macht. Basis seiner Regierung
ist eine neue Konstellation verschiedener Kräfte:
die unteren Ränge der Militärs, die
städtischen Mittelschichten, die Industriellen
und die Arbeiterschaft. Gemeinsam hat man das
Ziel, die Herrschaft der Agraroligarchie zu
brechen. Die verschiedenen Interessengruppen
werden durch Vergas' Idee einer nationalen Bewegung,
den Getúlismo, zusammengehalten. Die
unterstützenden Massen werden als Drückmittel
zur Durchsetzung der Politik gegenüber
den alten Machtgruppen benutzt. Direkten Einfluß
auf die Politik haben sie nicht. Vergas will
den Estado novo, den neuen Staat. Grundlage
ist eine starke Zentralgewalt mit einer dirigistischen
Wirtschaftspolitik. Ziel ist es eine, eine vom
Ausland unabhängige nationale Industrie
aufzubauen. Vargas schafft dich eine politische
Machtbasis , indem er Industrielle und Arbeiter
fördert. Er erläßt fortschrittliche
Arbeitsschutzgesetze, führt sie 48-Stunden-Woche
ein und ruft staatlich kontrollierte Gewerkschaften
ins Leben. Auf Druck der USA und nachdem
deutsche U - Boote brasilianische Schiffe angegriffen
hatten, muß Vargas Abschied nehmen von
seiner Sympathien für die Deutschen und
Italiener. Ab 1943 kämpfen einige tausend
Brasilianer an der Seite der Alliierten in Europa.
Ende des Krieges verliert Vargas seine politische
Basis. Die Arbeiter verlangen mehr als nur gelenkte
Gewerkschaften. Die Mittelschichten wollen bürgerliche
Freiheiten. Die Amerikaner nehmen ihm seine
Nationalisierungspläne für Industrie
und Bodenschätze übel. Als das Militär,
seine wichtige Machtbasis, freie Wahlen fordert,
bleibt ihm nichts anderes übrig, als sie
durchzuführen. Aus den Wahlen 1945 geht
der amerikafreundliche General Eurico Gaspar
Dutra als Sieger hervor.
1950
wird Vergas demokratisch zum Präsidenten
gewählt. Er verstärkt die Nationalisierung
der Wirtschaft noch : Er besteuert die Gewinne
der ausländischen Unternehmen; US - Firmen
dürfen nicht mehr ins Land. Er gründet
die nationale Erdölgesellschaft Petrobras,
die als einziges Unternehmen Erdöl fördern
darf. Für die Amerikaner im McCarthy-Warn
sind das Zeichen einer kommunistischen Gefahr
in ihrem Hinterhof Südamerika. Das Zusammentreffen
verschiedener Vorfälle führt zu seinem
Ende. Ein Korruptionsskandal, in den Mitglieder
seiner Regierung verwickelt sind, wird aufgedeckt,.
Einer seiner Berater versucht, einen politischen
Gegner zu erschießen. Die Wirtschaft steckt
in der Krise. In Inflation steigt. Die Konsequenz
für Vargas : Selbstmord und ein politisches
Testament, das noch heute nachwirkt.
Juscelino
Kubitschek, der nächste gewählte Präsident
(1956 bis 1963), wird vor allem als der Erbauer
Brasílias bekannt. Für den Arzt
aus Minas Gerais, der in Brasilien nur JK genannt
wird, ist der Bau der neuen Hauptstadt eine
Möglichkeit, ein modernes Brasilien zu
schaffen und die Wirtschaftskrise zu überwinden.
Ausländische Investoren werden umworben.
Die Autoindustrie soll zum Motor der Industrialisierung
werden. VW, Mercedes-Benz und General Motors
treten an, Brasiliens Märkte zu erobern.
In der Rekordzeit von vier Jahren steht Brasília,
der Präsident weiht 1960 die neue Hauptstadt
ein. Das Wachstum der Wirtschaft ist beeindruckend.
Brasilien gibt sich der Euphorie eines dauerhaft
scheinenden Fortschritts hin. Die Ernüchterung
folgt bald. Es ging aufwärts in Brasilien
aber nur für eine Minderheit - auf Kosten
der Mehrheit. Der Bauunternehmer, dessen Firma
die neue Hauptstadt baute, ist zum reichten
Mann des Landes geworden. Die Korruption wächst
schneller als das Bruttosozialprodukt.
Janio Quadros, der Nachfolger Kubischeks, gewinnt
die Wahl 1960 mit dem Symbol eines Besens, mit
dem er die Korruption fortfegen will. Nach nur
sieben Monaten im Amt gibt er auf und tritt
zurück. Sein Stellvertreter Joao Goulart
wird Präsident. Als Goulart Dekrete über
die Enteignung von Großgrundbesitzern
ankündigt, putscht im April 1964 das Militär.
Die Vorbereitungen für diesen Putsch sind
schon lange vorher angelaufen. Noch bevor Präsident
Goulart das Land verlassen hat um ins Exil zu
gehen, erkennen die USA die neue Militärregierung
mit einem Glückwunschtelegramm an. Als
Dank werden alle Dekrete des alten Präsidenten
annulliert.
In
Brasilien erscheint vielen das Eingreifen des
Militär als Rettung vor dem Chaos. Man
erwartet, daß sich das Militär nach
der Beruhigung der Situation wieder in die Kasernen
zurückzieht. Die Generäle aber haben
andere Pläne. Mit dem ersten General-Präsidenten
Alencar Castelo Branco (1964 bis 1967) beginnt
ihre einundzwanzig Jahre dauernde Herrschaft.
Für die Militärs ist der Putsch eine
"Revolution", auf die sie sich schon
lange vorbereitet haben. In ihren Akademien
wurden Pläne ausgearbeitet, nach denen
Brasilien zu Fortschritt und politischer Größe
geführt werden soll - unter ihrer Aufsicht.
Ab
Ende der sechziger Jahre werden gigantische
Großprojekte gestartet : der Bau der Transamazonica,
der Straße durch die "grüne
Hölle", die Lebensraum für die
verarmten Siedler des Nordostens schaffen soll;
die Errichtung des Itaipu - Staudammes, des
größten Wasserkraftwerks der Welt;
das Atomprogramm in Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik.
Finanziert werden die Projekte durch Nordamerikanische
und europäische Banken, Kredite fließen
reichlich ins Land. Die wirtschaftlichen Erfolge
bis zum Ölschock 1974 scheinen den Diktatoren
recht zu geben. Der dreimalige Gewinn der Fußballweltmeisterschaft
stärkt ihre innenpolitische Position.
In
Kombination mit einer geschickten Propaganda
gelingt es den Generälen, ihre Gegner als
Feinde des Vaterlandes abzustempeln. Ihr Motto
Brasil - ama-o ou deixa-o, Brasilien - liebe
oder verlasse es, zieht bei großen Teilen
der Bevölkerung. Rund 35.000 Brasilianer
verlassen aus politischen Gründen das Land.
Anfang
der achtziger Jahre steigen Brasiliens Auslandsschulden
auf über hundert Milliarden Dollar an.
Die immer offensichtlicher werdenden Mißerfolge
der Riesenprojekte und die Massenproteste der
Bevölkerung zwingen den letzten Generals
- Präsidenten Joao Batista Figueiredo (1979
bis 1984) die Wahl des zivilen Präsidenten
zuzulassen. Der Preis für die Zustimmung
der Militärs zur Wahl von Tancredo Neves
ist die Zusicherung ihrer völligen Straffreiheit.
Neves, ein Altmeister der brasilianischen Politik,
der unter Vargas und Goulart Minister war, proklamiert
die Nova Republica. Die neue Republik hat einen
schlechten Start - kurz vor seiner Vereidigung
stirbt der 77jährige. Dein Stellvertreter
José Sarney, ein alter Parteigänger
der Militärs tritt 1985 das Amt als erster
Zivil-Präsident an.
