Pressemitteilung: Brasilien ohne Klischees
Zum Festival Brasil Plural 12.Oktober 2006 bis Januar 2007

Brasilien ist ein Land, das seine Klischees nicht fürchten muss, so drückte es der Kulturminister Gilberto Gil bei einem seiner Deutschlandbesuche anlässlich der Copa da Cultura aus. Denn all die Klischees zwischen Fußball und Samba beruhen letztendlich auf der brasilianischen Realität. Dennoch will nicht ein ganzes Land mit mehr als 185 Millionen Einwohnern ständig auf wenige Stereotypen reduziert werden. Superlative wie der größte Karneval, die Mega-Metropole Sao Paulo oder der Amazonas-Regenwald bestimmen die Bilder im Ausland. Aber Brasilien ist viel mehr. Wie könnte man sich der darin enthaltenen Wahrheit besser annähern als in kleinen Puzzle-Teilen. Ausschnitte aus einer komplexen Wirklichkeit zeigt Brasil Plural mit Kurzfilmen aus fast allen wichtigen Regionen des Landes. Dokumentarisch und in kleinen Spielfilmen. Zwischen Zirkus und Stundenhotel, zwischen Bürokratie und Friedhof. Mit „O Olhar Estrangeiro“, dem „Blick von außen" beschäftigt sich ein Dokumentarfilm in unserer Reihe mit abendfüllenden Spiel- und Dokumentarfilmen explizit mit Klischees, Bildern, Vorurteilen und Stereotypen, die im Ausland über Brasilien kursieren – und wie sie durch amerikanische und europäische Medien verbreitet werden.

Mit filmischen Mitteln will Brasil Plural solchen Klischees begegnen und ihnen etwas anderes, neues entgegensetzen. Es scheint so, als hätte Brasilien einen eigenen Weg gefunden, die Identität des Landes auch in der Kinoproduktion zu transportieren. Ein Weg, der nicht das europäische Kino kopiert, sondern eine eigene Ästhetik pflegt. Technisch befindet sich Brasilien bei der Produktion von Filmen auf dem gleichen Stand wie Europa, die Filme selbst aber verweisen auf regionale Eigenheiten, die tief in der Geschichte des Landes verankert sind. Das gilt auch für die Art, Geschichten zu erzählen, Charaktere zu erschaffen und die Schauplätze, an denen sie agieren. Während noch vor kurzem die Achse Rio de Janeiro, Sao Paulo und der Süden die Filmproduktion Brasiliens beherrschte, nimmt heute auch der Nordosten eine wichtige Position ein. Und auch das internationale Interesse an den brasilianischen Produktionen, auch auf dem Filmmarkt, hat zugenommen. Nicht zuletzt, weil die Zuschauer auch über kulturelle Grenzen hinweg spüren, dass Tradition und Aktualität sich im Filmschaffen Brasiliens eine Sprache erarbeitet haben, die universell ist und doch alles Landestypische nicht ausblendet, sondern daraus seinen besonderen Reiz schöpft.

DVD-Spezialprogramme

Ungesehene Bilder des größten südamerikanischen Landes bietet auch das DVD-Zusatzprogramm „Revelando os Brasis“. Bei diesem Ausbildungsprojekt, das ganz normalen Leuten in kleineren Orten, die sonst nichts mit Film oder Fernsehen zu tun haben, die Gelegenheit gibt, über sich und das Leben in ihrem Dorf oder ihrer Kleinstadt zu berichten, kommt auch der brasilianische Alltag auf die Leinwand.

Als passenden Break zum Samba-Klischee hat das Brasil Plural-Team ein eigenes Musikprogramm dabei. Elektronische Samba-Beats von Fernanda Porto und wundervolle Songs von Marisa Monte im making-of zu CD-Aufnahmen und Konzerten.

Die Kurzfilme

Noch immer Kern des Programms von Brasil Plural sind die Kurzfilme. Daraus hat sich das Festival entwickelt. Denn mit einer Auswahl an Kurzfilmen fing vor neun Jahren alles an. Marcia Paraiso, Kuratorin und Initiatorin des Festivals sieht den Kurzfilm dabei nicht nur als Zwischenstation für junge Regisseure und Regisseurinnen, die auf ihren ersten großen Film hinarbeiten, sondern auch als eine eigene Option und einer damit verbundenen spezifischen Filmsprache mit einer anderen Ästhetik. Nicht zuletzt bieten Kurzfilme eine demokratische Form des Filmemachens, die als Independent oder No-Budget-Filme einfacher zu realisieren sind als 90-Minuten-Kinoproduktionen. Auch dieses Jahr werden in einigen Städten Regisseure aus Brasilien zu Gast sein, um mit dem Publikum über ihre Filme und Brasilien als Filmland generell zu diskutieren.


Thematische Reihe „Vielfalt und Identität“

Bereichert wird das Programm durch fünf ausgesuchte Spiel- und Dokumentarfilme – größtenteils Deutschlandpremieren. Oberstes Gebot für die Auswahl: Vielfalt zeigen und dem Zuschauer in Deutschland einen Einblick in die aktuelle Produktion in Brasilien bieten. Dies beginnt bei Dokumentarfilmen wie „O Olhar estrangeiro“ und „Fabio Fabuloso“, einem in Brasilien mehrfach preisgekrönten Film über den Surf-Weltmeister Fabio Gouveia. Ein Highlight ist sicher „A Marvada Carne“, der „Klassiker“ dieser Auswahl. Der Film stammt aus den 80er Jahren, ist im Ausland weitestgehend unbekannt und doch eine Perle brasilianischer Filmkunst, die alles vereint: Humor, Gesellschaftskritik, eine surrealistische Fabel, die im pittoresken Nordosten spielt. „Nina“ hingegen hat als Schauplatz die Großstadt Sao Paulo. Die unüberschaubare Mega-City aus der Sicht einer jungen Frau. Eine der großen Erfolge an den Kinokassen war in den letzten Jahren der Kinderfilm „Tainá“, den in Brasilien aber mindestens ebenso viele Erwachsene gesehen haben. Die kleine Indianerin Tainá hat Fans in allen Altergruppen. Zu Recht, denn der Amazonien-Krimi bietet nicht nur wundervolle Bilder, sondern auch eine intelligente abenteuerliche Geschichte.

Brasil Plural

Das Festival tourt mit seinem Programm voraussichtlich durch zwölf verschiedene Städte. Nicht nur in Deutschland, auch Österreich und die Schweiz stehen im Tourkalender. Brasilien ist ein Land, das sicherlich in den letzten Jahren „hip“ geworden ist und in Europa auf ein großes Interesse stößt, egal ob es um Brasilienflaggen oder Musik geht. Dass auch auf anderen kulturellen Gebieten wie dem Kino ständig Neues entsteht, hat in diesem Jahr die „Copa da Cultura“ gezeigt, das offizielle Kulturprogramm zur Fußballweltmeisterschaft. Auch Brasil Plural ist ein Teil davon und wird unterstützt von Petrobras, Ancine, dem brasilianischen Außenministerium, dem brasilianischen Kulturministerium als Veranstalter der „Copa da Cultura“, VarigLog und dem Goethe-Institut, denen wir ganz herzlich für ihre Unterstützung danken möchten.

Das genaue Programm, Filme und Fotos finden Sie auf unserer Homepage
www.brasilplural.org

Interviews mit Regisseuren und Veranstaltern vermitteln wir gerne. Anfragen bitte an presse@brasilplural.org
Das gilt auch für Pressekarten für Medienvertreter, Ansichts-DVDs der Filme und sonstige Fragen zum Festival.